Chemotherapie oder nicht — das ist hier die Frage

Don­ner­stag­mor­gen, die Kinder haben Ferien — Mascha macht bei Oma und Opa Urlaub. So sollte es sein. Das bringt mir den Luxus bis 7 Uhr schlafen zu kön­nen, der Nacht­di­enst ist länger geblieben. Aber Johan­na soll heute in die Onkoam­bu­lanz. Sie ist immer noch erkäl­tet, wenn auch weit­er fieber­frei. Der Infekt scheint im Griff dank strengem Inhala­tion­spro­gramm — alle Geschütze aufge­fahren gegen den “bösen Erreger”. Die für heute geplante Antikör­perther­a­pie ste­ht trotz­dem in Frage. Vor­sicht­shal­ber wer­den trotz­dem die Sachen gepackt, falls sie über Nacht bleiben muss. Da darf nichts fehlen, auch nicht die Lieblings-CD.


Schon 7.30 Uhr und sie schläft immer noch. Micha mag sie so ungern aus dem Schlaf reis­sen. Er ver­ste­ht sie gut, schläft selb­st so gern aus, aber es muss sein. Natür­lich will sie nicht und kaum wach, will sie gle­ich in eine Rolle schlüpfen. Auch dies­mal ist es eine böse Hexe, Mali­cia. Johan­na ist gern “die Böse”. Micha macht mit und ist Gan­dalf. Den ken­nt Johan­na natür­lich nicht, aber der Name gefällt ihr. Der Fin­ger schläft noch, jam­mert sie — wieder mal an der recht­en Hand natür­lich. Micha macht seinen Handy an, der Weck­er spielt ein fröh­lich­es “good morn­ing”. Das find­et sie lustig. Es hil­ft zwar nicht, aber lenkt sie ab. Wir wis­sen nicht, woher diese Mis­sempfind­un­gen kom­men. Der Gedanke, dass der Tumor schuld ist, wird schnell ver­drängt. Ein­fach weit­er­ma­chen, Nor­mal­ität im All­t­ag heisst die Devise.
Ich muss los zur Arbeit und lasse Mann und Kind am Früh­stück­stisch zurück. Weiss nicht, ob ich mir wün­schen soll, dass Johan­na heute abend in ihrem Bettchen liegt oder nicht. Chemo oder nicht, da ist nur ein Gedanke — wir wollen ihn besiegen den Krebs.


Kurz nach Mit­tag dann die Nachricht, keine Ther­a­pie heute. Die Blutwerte waren gar nicht mal so schlecht, aber sind wir mal ehrlich, die Erkäl­tung ist hier wohl auch nicht das Prob­lem. Die Klinik hat ohne­hin kein Bett frei, also kann man ihr get­rost noch eine Woche zum Auskuri­eren geben.