Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man

Der Tag kommt näher, an dem sie uns ver­lassen hat. Unfass­bar, wie die Jahre so vorüberziehen. Ich wollte damals die Welt anhal­ten, wenig­stens für einen Moment sollte sie still­ste­hen, als ihr Herz aufhörte zu schla­gen. Es kon­nte doch nicht sein, dass das Leben weit­erge­ht ohne sie. Aber die Jahre sind ver­gan­gen, ein­fach so.

Die Zeit heilt alle Wun­den, sagt man. Ich habe mich oft gefragt, über welchen Zeitraum man da spricht: Wochen, Monate, Jahre oder mehr? In meinem Fall sind es nun 4 Jahre und um es gle­ich vor­weg zu nehmen, geheilt füh­le ich mich nicht. Der Schmerz ist immer noch da, die Wunde ist tief. Aber ich erlebe mich oft, wie ich jede Erin­nerung begrüße, auch wenn es manch­es Mal schmerzhaft ist. Ich will sie nicht vergessen, aber es ist schw­er­er als man denkt, die Erin­nerun­gen festzuhal­ten, sich den Klang ihrer Stimme ins Gedächt­nis zu rufen, sie bildlich vor sich zu sehen oder zu spüren. Da sind immer wieder Bilder, die kurz auf­blitzen. Johan­na in unserem Garten, der damals noch den Großel­tern allein gehörte. Zusam­men mit Mascha baut sie eine Höh­le aus Deck­en unter der Schaukel. Opa hat zwar auch ein Spielzelt aufgestellt, aber sel­ber bauen ist eben noch viel bess­er. Inzwis­chen wohnen wir auch hier und wenn ich aus unserem Küchen­fen­ster schaue, seh ich sie manch­mal vor mir, wie sie durch den Garten läuft in ihrem typ­is­chen schwank­enden Gang. Ich weiss, dass ich sie so nie gese­hen haben kann, aus dieser Per­spek­tive, denn ich wäre immer in ihrer Nähe gewe­sen, unten im Garten, jed­erzeit bere­it einzu­greifen, falls sie stürzt oder keine Luft bekommt. Den Weg um das Haus hat­ten meine Schwiegerel­tern damals noch erneuern lassen. Die alten Gehweg­plat­ten waren zur gefährlichen Stolper­falle für Johan­na gewor­den. Manch­mal, wenn ich heute hier lang gehe, sehe ich mich ihren Roll­stuhl schieben oder spüre ihre Hand in mein­er.

Erst vor ein paar Tagen sind wir in unserem alten Kiez gewe­sen und auch am Wasser­turm­platz vor­beigekom­men. Das war wieder ein­er jen­er Momente, ich sah sie vor mir, auf dem Tram­polin, wie sie verge­blich ver­sucht, mit bei­den Beinen abzus­prin­gen. Natür­lich war das unmöglich mit den star­ren Orthe­sen an bei­den Beinen. Bei jedem anderen Kind hätte man spätestens beim zweit­en erfol­glosen Ver­such einen hand­festen Wutan­fall gese­hen. Johan­na aber tut so “als ob” und lacht dabei. Trotz ihrer Ein­schränkun­gen war sie meist ein fröh­lich­es Kind, voller Phan­tasie und schi­er uner­schöpflich­er Energie. Sie umgab ein Zauber, dem man sich kaum entziehen kon­nte. Eine Schwest­er vom Pflege­di­enst schrieb mir kür­zlich, sie habe ein Foto von Johan­na gefun­den. Sie erin­nere sich noch deut­lich an den Aus­flug auf den Spielplatz mit dem Boot im Sand­kas­ten, auf dem Johan­na natür­lich der Kapitän war. In solchen Momenten füh­le ich eine unbändi­ge Freude, dass sie nicht nur bei uns unvergessen ist, auch nicht nach 4 Jahren. Sie hat ihre Spuren hin­ter­lassen in dieser Welt.

Diese Momente will ich fes­thal­ten, genau wie die Träume, in denen sie mich besucht. Aber es gelingt mir nicht. In der näch­sten Sekunde sind sie fort, sie ist fort und zurück bleibt die Leere. Es fehlt ein Stück mein­er Welt — Johanna’s Welt, die so bunt und voller Phan­tasie war, die Momente, in denen ihr Lächeln alle Sor­gen ver­schwinden liess, ihre Freude am Leben, mit der sie uns angesteckt hat, jeden Tag. Manch­er sagt, unser Leben sei nun leichter ohne sie, freier. Aber ich wollte nie ein leichteres Leben und wenn ich die Zeit zurück­drehen kön­nte, würde ich alles aufgeben, für noch einen einzi­gen Moment mit ihr, für ein Leben mit ihr. Wenn ich die Zeit zurück­drehen kön­nte, wün­schte ich mir für Johan­na ein leichteres Leben, ein glück­lich­es, viel län­geres Leben. Aber so ist es mit der Zeit, so wenig, wie sie heilt, kann man sie zurück­drehen oder anhal­ten. So kann ich sie nur ver­mis­sen — die Zeit mit mein­er Tochter Johan­na — und ich ver­misse sie mehr, als ich mit Worten sagen kann.

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