Ein Geburtstagsbrief für Johanna

Liebe Johan­na,

Wieder ein Geburt­stag ohne Dich, Dein Vierzehn­ter. So sehr ich mich auch bemühe, dies­mal fällt es schw­er, mir vorzustellen, wie Du jet­zt ausse­hen würdest. Gross und kräftig vielle­icht, ein wenig schlak­sig, weil Du — im Gegen­satz zu den anderen Frauen in dieser Fam­i­lie — die magis­che Marke von 1,60 m über­schrit­ten hast, und mit lan­gen rot­blonden Haaren natür­lich, die sich noch immer nur schw­er bändi­gen lassen. Würdest Du laufen oder im Roll­stuhl sitzen? Selb­st wenn der Som­mer vor 5 Jahren anders ver­laufen wäre und Du bei uns geblieben wärst, Deine Erkrankung hätte Dich begleit­et. Unser Onkologe erzählte uns damals — bevor alles aus dem Rud­er lief — von einem neuen Medika­ment in der Test­phase, das die Wach­s­tumssig­nale des Tumors vielle­icht block­ieren kön­nte. Damit hättest Du vielle­icht leben kön­nen.

Ich weiß, es ist müßig, darüber nachzu­denken, aber manch­mal machen sich die Gedanken selb­st­ständig, zusam­men mit dem uner­füll­baren Wun­sch, Dich zurück­zubekom­men. Ich hätte Dich so gerne hier, in unserem Haus und ich weiß, es geht nicht nur mir so. Deine Schwest­er hat let­zten Son­ntag ein neues Bett bekom­men, einge­baut unter der Dachschräge mit kleinen Regalfäch­ern. Und in eines dieser Fäch­er stellte Mascha sofort Dein Foto, gle­ich daneben die Engels­fig­ur und die Kerze. Das ist inzwis­chen ein fes­ter Bestandteil ihrer Schlafecke. Egal wo im Haus sie bish­er geschlafen hat, Du musstest dort Deinen Platz haben. Seit sie oben ihr Dachz­im­mer hat, sagt sie, ist sie Dir noch näher. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie Dir abends mit Blick in den Him­mel gute Nacht sagt. Heute wün­sche ich mir jene Abende im Novem­ber zurück, an denen ich noch spät abends in der Küche stand, um Deinen Geburt­stagskuchen zu back­en. Natür­lich kon­nte ich erst damit anfan­gen, wenn Du schon im Bett warst. Es sollte ja eine Über­raschung sein, genau­so wie die Luft­bal­lons und Girlan­den an Deinem Bett, die ich immer erst anbrin­gen kon­nte, wenn Du schon tief und fest schlief­st. Oft genug hast Du mit dem Ein­schlafen gewartet, bis der Nacht­di­enst gegen 22 Uhr da war. Im Gegen­satz zu Dein­er Schwest­er warst Du näm­lich eine Nach­teule. Da gab es so manche Diskus­sion zwis­chen uns, erin­nerst Du Dich? Früh auf­ste­hen war eher nicht so Dein Ding.

Das würde auch zu dem Teenag­er passen, der Du heute wärst. Ich frage mich, welche Dinge Dich inter­essieren wür­den. Vielle­icht würdest Du Comics lesen wie Deine 13jährige Cou­sine, oder lieber Krim­is wie Deine Oma, oder Fan­ta­sy-Geschicht­en, die mag ich am lieb­sten. Ob Du Dich auch für Punkrock begeis­tern kön­ntest wie Mascha? Ich hab keine Ahnung, aber ich bin sich­er, Du hättest uns über­rascht, hättest auf jeden Fall Dein eigenes Ding gemacht, Dir Deine eigene Mei­n­ung gebildet. Das war schon damals so. Ich bin trau­rig, dass ich nie her­aus­find­en werde, was Dein 14jähriges Ich cool gefun­den hätte und noch über so einiges mehr, was ich nicht mehr erleben kann — mit Dir. Aber dieser Tag wird immer Dein Geburt­stag sein und weil ich es nicht bess­er weiß, hab ich Dir den Ele­fan­ten und die Maus als Plüschti­er gekauft, die fan­d­est Du zumin­d­est damals gut. Sei nicht sauer mit mir, aber sie wer­den süß ausse­hen in Deinem Gärtchen. Wir wer­den dort ste­hen und an Dich denken.

Hap­py Birth­day Johchen, Deine Mama

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