Johanna zaubert

Die Zeit verge­ht so schnell, schon wieder ist Som­mer. Nicht ganz so heiss wie let­ztes Jahr, es gibt auch mal Regen zwis­chen­drin. Die Blüm­chen auf Deinem Grab blühen um die Wette, dazwis­chen leuchtet weiß der Zauber­schnee. Die Pflanze habe ich erst dieses Jahr ent­deckt und fand den Namen so lustig. Ich musste gle­ich daran denken, dass wir Dir an Deinem 8. Geburt­stag eine Kochschürze geschenkt hat­ten, mit der Auf­schrift “Johan­na zaubert”. Das passt, dachte ich, beson­ders die Blüten, so klein und zart und doch so kraftvoll. Auch der Klee ist wieder da und füllt die weni­gen Lück­en in der Erde, wie eine Decke bre­it­et er sich aus. Ich kann es mir nicht erk­lären, aber es zaubert ein Lächeln in mein Gesicht.

Auf der Suche nach einem Foto von Dir durch­stöbere ich den Lap­top, wie immer zu dieser Zeit, denn so wie die bun­ten Blu­men, die wir immer neu pflanzen, gehört auch das dazu. Wir tauschen Dein Bild regelmäßig aus, denn Wind und Wet­ter fordern ihren Trib­ut, auch wenn es im Rah­men eine Weile geschützt ist. Dies­mal entschei­de ich mich für einen Schnapp­schuss aus dem Kinder­hos­piz St. Niko­laus, aus unserem let­zten Urlaub mit Dir. Du stehst vor der Pin­nwand im Hos­piz, an der Deine Find­us-Fahne hängt, die ich ger­ade fer­tiggenäht hat­te. Eigentlich mocht­est Du keine “gestell­ten” Fotos, aber hier hast Du mit­ge­spielt und lachst ver­schmitzt in die Kam­era. Über­haupt gibt es so viele lustige Fotos von Dir aus diesem Urlaub. Auch auf dem Fam­i­lien­bild bei unser­er Ankun­ft schaust Du fröh­lich in die Kam­era. Es waren ein paar mehr Auf­nah­men nötig, weil wir rumgeal­bert haben. Nur einen Mausklick weit­er starte ich ein Video aus dem Tram­polin Zim­mer: Papa hält Dich unter den Armen fest und dann hüpft ihr bei­de auf und ab. Dein Lachen erfüllt den Raum und steckt uns an, im Hin­ter­grund lachen Mascha und ich mit. Die Erin­nerung führt mich zurück in jene Zeit, die wir zumin­d­est in der ersten Woche unbeschw­ert genießen kon­nten, zurück zu unserem Aus­flug in den Schon­gauer Märchen­wald, wo Du hoch zu Ross gerit­ten bist. Man sieht Dir den Stolz förm­lich an, als Du allein und selb­st­ständig auf dem Pony sitzt, dass angeleint durch den Park geführt wird. Ich kann das Glück fast mit den Hän­den greifen, dass wir alle, glaube ich, damals emp­fun­den haben. Die Krankheit war (fast) vergessen, die Ther­a­pie weit weg. Wir woll­ten ein­fach Urlaub machen, ein paar Aus­flüge in die Natur, die wun­der­schö­nen Berge erleben, vielle­icht auch ein biss­chen Aben­teuer und Action für die Kinder, all das, was für andere Fam­i­lien ganz nor­mal ist. Und wir haben wirk­lich viel erlebt, Du bist sog­ar Trak­tor gefahren, so einen coolen roten, erin­nerst Du Dich? Das Lenkrad fest in der Hand und hochkonzen­tri­ert, rechts neben Dir der Ther­a­peut, der nur “ein biss­chen” mit­ge­holfen hat und hin­ter Dir ein paar Kinder als Fahrgäste. So ging es hol­prig übers Feld, das hat Spass gemacht. Dieser Aus­flug zum Erleb­nis­bauern­hof war wirk­lich etwas ganz Beson­deres. Sie hat­ten dort auch ger­ade ganz junge Kätzchen. Ich habe noch genau vor Augen, wie behut­sam Du die kleine Katze gestre­ichelt hast, die auf Deinem Schoß sass. Mascha war aus dem Katzen­z­im­mer kaum mehr rauszubekom­men, weil ein Kätzchen bei ihr eingeschlafen war.

Und es gibt noch etwas, was ein­ma­lig war, Du kon­ntest endlich schwim­men gehen. Das kurze Video zeigt Dich entspan­nt im Wass­er, der Ther­a­peut zieht Dich mit langsamen Bewe­gun­gen durch das Beck­en, sorgfältig darauf bedacht, dass Dein Hals mit der Kanüle nicht das Wass­er berührt und Du kom­men­tierst das alles mit einem laut­en “Hui, hui” und ver­suchst genau zu spüren, was die Strö­mung mit Deinem Kör­p­er macht. Wie sehr Dich das beein­druckt hat, sieht man heute noch an dem Bild, dass Du anschließend gemalt hast. Es hängt bei uns im Wohnz­im­mer und zeigt Dich selb­st mit­ten im Wass­er, mit Deinen lan­gen roten Haaren — obwohl sie in Wirk­lichkeit ja nicht ganz so rot waren. Geschützt in einem Rah­men hin­ter Muse­ums­glas sieht das Bild noch genau­so aus wie vor 8 Jahren, ein biss­chen wie aus der Zeit gefall­en, die Far­ben strahlen unverän­dert und das zaubert ein Lächeln in mein Gesicht. Genau das wün­sche ich mir für diesen Tag, dass Johan­na nochmal zaubert – und zwar ein Lächeln auf die Gesichter von jenen, die sie gekan­nt und geliebt haben, in Erin­nerung an Johan­na.

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