Weißt Du noch damals?

Ich fange spät an zu schreiben dieses Jahr, obwohl Du immer in meinen Gedanken bist – zumin­d­est das hat sich nicht verän­dert, auch nicht sechs Jahre später – aber das Leben geht weit­er, fordert mich und dies nicht immer im pos­i­tiv­en Sinne. Wieder ist ein Fam­i­lien­mit­glied schw­er krank und er begin­nt von Neuem, unser Kampf mit Ärzten, der Krankenkasse und dem all­seits ver­traut­en medi­zinis­chen Dienst der Krankenkassen – kurz MDK. Trotz vie­len Jahren Erfahrung ste­hen auch wir zu oft hil­f­los da, schüt­teln den Kopf über das Sys­tem, das nicht den Men­schen, den Patien­ten sieht, son­dern nur Vorschriften und Para­graphen. Heute blicke ich bewusst zurück, auf die Momente, in denen es uns auch bei Dir so ging. Kurz nach der Diag­nose Hirn­tu­mor und der darauf­fol­gen­den OP hat­ten wir das Glück, zumin­d­est in den Ärzten und Schwest­ern ver­ständ­nisvolle Part­ner zu haben, die das Gespräch sucht­en, uns immer informierten, egal wie schlimm die Sit­u­a­tion war. Und es war schlimm damals, Du hast bei jed­er Kom­p­lika­tion hier gebrüllt. Weißt Du noch damals? weit­er­lesen

Wieder einmal Onko-Ambulanz

Das Handy klin­gelt mal wieder viel zu früh — kurz vor 6 Uhr, aber man quält sich aus dem Bett und huscht ins Bad, um sich schnell anzuziehen, bevor man öffentlichen Raum betritt. Öffentlich deshalb, weil der Pflege­di­enst noch in der Küche sitzt. Ein höflich­es “Guten Mor­gen” muss sein. Glück­licher­weise gibt es über die Nacht nicht viel zu bericht­en. Das Brum­men des Sauer­stof­fkonzen­tra­tors fehlt — denn der ist defekt seit gestern. Noch eine Baustelle für heute — denn irgend­wie sollen wir per Post zu einem Ersatzgerät kom­men, allerd­ings erst um 18 Uhr. Man darf ges­pan­nt sein.

Weit­er gehts im Text — Brote schnei­den und bele­gen für die Große, die gle­ich auch noch geweckt wer­den will — lieber von Mama als vom Weck­er. Der Blick auf die Uhr zeigt, es ist noch genug Zeit, um mit Mascha zu früh­stück­en. Ein straf­fer Zeit­plan jeden Mor­gen, denn der Fahr­di­enst wartet nicht. Der Nacht­di­enst bleibt heute ein bißchen länger, zumin­d­est um Johan­na wachzukraulen. Das Auf­ste­hen um diese Uhrzeit fällt ihr immer furcht­bar schw­er, aber es muss sein, denn heute ist wieder Ambu­lanz­tag, d. h. Fin­ger­pieks für ein schnelles Blut­bild, mal eben vom Doc anschauen lassen und das unver­mei­dliche Katheter­spülen. Nur eine Stunde später sitze ich mit Jo allein beim Früh­stück — Moment, neben mir sitzt ja nicht Johan­na son­dern Mali­cia, die böse Hexe und isst ein leck­eres “Erd­beer­marme­lade­brot mit Honig”. Für alle Nicht­sand­mannse­her zur Erk­lärung, diesen Belag haben wir von der Trick­film­rei­he “Tom und das Erd­beer­marme­lade­brot mit Honig” über­nom­men. Die arme böse Hexe hat aber plöt­zlich Bauch­grum­meln und lässt sich überre­den, einen Ver­such auf der Toi­lette zu starten. Unglück­licher­weise heißt das Ergeb­nis Durch­fall und die Frage des Tages ist, welch­er böse Zauber denn hier am Werke ist. Da Jam­mern oder Fluchen nicht hil­ft, wer­den also schnell noch ein paar zusät­zliche Windeln und Wech­sel­sachen eingepackt. Angekom­men in der Ambu­lanz des Klinikums fällt allen Beteiligten sofort auf, dass Johanna´s Haut­farbe wohl in Konkur­renz mit den weißen Klinikwän­den getreten ist. Das Blut­bild zeigt dann auch zu niedrige Leukozyten, was für einen Virus­in­fekt spricht, genau wie die leb­haften Dar­mgeräusche. Ab da hoffe ich nur, dass wir es noch bis nach Hause schaf­fen, bevor es weit­erge­ht. 

Über­raschen­der­weise erwartet uns zu Hause nicht etwa der Durch­fall, son­dern ein Zettel des Paket­di­en­stes. Sie hät­ten um 9.30 Uhr einen Zustel­lver­such unter­nom­men und wollen nun Fre­itag wiederkom­men. Damit haben wir ein Prob­lem, denn solange reicht der Sauer­stoff aus der Flasche auf gar keinen Fall. Also Tele­fon in die Hand, Sauer­stof­fver­sorg­er anrufen und das Prob­lem “delegieren”. Eine Stunde später hat das Kind sein Mit­tagessen schon längst ver­til­gt und die Fir­ma kündigt die Liefer­ung des Ersatzgerätes für 16 Uhr an. Als dann 14 Uhr der Paket­di­enst klin­gelt, zweifele ich ern­sthaft an deren Fähigkeit, die Uhr zu lesen. Ich enthalte mich allerd­ings jeglichen Kom­men­tars, son­dern bin zuvorder­st froh, dass das Ersatzgerät da ist. Nach diesem ganzen Hin- und Her stellt sich natür­lich die Frage, wie sin­nvoll es ist, eine Fir­ma mit der Sauer­stof­fver­sorgung zu beauf­tra­gen, die ihren Sitz 550 km ent­fer­nt vom Patien­ten hat.  Diese Pauschalver­sorgung durch einen Ver­tragspart­ner mag vielle­icht kostengün­stig für die Krankenkasse sein, aber in uner­warteten tech­nis­chen Not­fällen kann nicht mal eben schnell jemand vor­beikom­men und will es wohl auch nicht, weil es zu teuer ist. Nun gut, am Ende diese Tages haben wir wieder einen brum­menden Sauer­stof­fkonzen­tra­tor und ein wider Erwarten nicht von weit­erem Durch­fall geplagtes friedlich schlafend­es Kind.