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Die Zeit, ein Leben und die Erinnerung

August 9, 2021 - Lesezeit: 5 Minuten

Es ist nicht gestern gewesen, aber dass es schon 10 Jahre her ist, kann ich kaum fassen. Die Zeit fliegt dahin, die Erde dreht sich weiter und ich erinnere mich genau, heute vor 10 Jahren wollte ich, dass alles stillsteht, weil das für uns Unfassbare geschehen war. Damals wie heute weiß ich, dass so viele unfassbare Dinge geschehen und das Leben trotzdem ungerührt weitergeht. Mir fällt noch ein, was ich im Jahr darauf gedacht habe: Ich wollte ein Buch schreiben über Dich, Deine Geschichte der Welt erzählen oder zumindest jenen, die sie hören wollen. In 10 Jahren schaffe ich das, habe ich gedacht. Dann kam das Leben, wie immer, und heute gibt es kein Buch sondern nur diesen Blog, der aber ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Er hat seinen Platz an diesen besonderen Tagen des Jahres, einer davon ist heute, der Tag, an dem Du zu den Sternen gegangen bist.

Aber wie jedes Jahr soll es bei diesen Zeilen nicht darum gehen, sondern um Dein Leben, Deine Zeit bei uns, die einfach intensiv war. So waren wir vor kurzem in unserem alten Kiez, sind durch den Volkspark Friedrichshain gelaufen, vorbei am Märchenbrunnen, an den Spielplätzen und haben uns erinnert. Wie oft sind wir mit dem Reha-Buggy und später mit dem Rollstuhl mit Dir und Deiner Schwester dort gewesen. Das war schon ein Tagesausflug, denn der Weg von unserer Wohnung an der Prenzlauer Allee war zu Fuß recht weit. Da musste man schon alles dabei haben, zu essen und zu trinken und natürlich auch die Medizintechnik mit im Gepäck. Soweit ich mich erinnere, haben wir das gern bei schönem Sommerwetter gemacht und meist nicht nur einen, sondern beide großen Spielplätze nacheinander besucht und natürlich den Märchenbrunnen. Der war nicht immer mit Wasser gefüllt, aber wenn das Wasserspiel an war, war es besonders schön. Die Spielplätze sehen heute natürlich anders aus, nach 10 Jahren ist das wohl auch nicht überraschend. Trotzdem konnte ich Dich vor mir sehen, wie Du über den Spielplatz läufst in Deiner unnachahmlichen Art zu gehen, immer leicht schwankend. Man dachte, Du fällst gleich, aber das bist Du nicht, zumindest nicht so oft. Ich erinnere mich auch an den Sommer 2010, da hatten wir ein Babyplanschbecken auf dem Balkon aufgestellt. Es gibt sehr lustige Fotos von Dir und Deiner Schwester. Mit einem coolen Seitenzopf und im Bikini - irgendwo muss man ja den Hickman-Katheter verstecken - standest Du mit Mascha unter einem Minisonnenschirm und ihr habt Faxen gemacht. Ich glaube, in diesem Sommer war es zeitweise sehr heiß und Hitze ist Dir nie so gut bekommen, so dass wir nur kurze Ausflüge gemacht haben und sonst lieber drinnen geblieben sind. Aber langweilig war Euch nie. Später im August sind wir dann für eine Woche in das Kinderhospiz Sternenbrücke nach Hamburg gefahren. Da war es schon nicht mehr so heiß, aber trotzdem sehr schön. Wir haben Ausflüge in die Stadt gemacht, uns zum Beispiel die Eisenbahn-Miniaturenwelt angesehen. In der Sternenbrücke gab es natürlich ein gut ausgestattetes Spielzimmer, indem Du viel Zeit verbracht hast. Auch der Gartenbereich mit Wasser- und Matschecke hatte es Dir angetan. Es gab auch einmal Besuch von einem mannsgroßen Teddybären "Bear Emy", vor dem Du - anders als viele andere Kinder - natürlich keine Angst hattest. Vielleicht hast Du es Dir auch nicht anmerken lassen, jedenfalls hast Du mit ihm rumgealbert und -getobt. Es war einfach herrlich zu sehen, wie viel Spass Du hattest. An einem Nachmittag gab es sogar ein Konzert dort. Es spielte ein lokale Band, an ihren Namen erinnere ich mich nicht, aber daran, wie schön es war, mit anderen auf der Wiese zu sitzen und Musik zu hören. Ich weiß gar nicht, ob Deine Schwester sich noch daran erinnern kann, aber das war eigentlich Euer erstes Freiluftkonzert und Du wie immer mittendrin, vorn an der "Bühne" wolltest Du unbedingt mittanzen. 

Es gibt noch etwas Besonderes, was wir aus Hamburg mitgenommen haben. Für uns Eltern gab es einen Kurs bei einem Steinmetz. Dort konnten wir aus Speckstein eine Skulptur herstellen. Das Motiv hat sich jeder selbst überlegt, ich hatte mich für eine Walfischflosse entschieden, bei Micha war es ein Seepferdchen. Wir haben jeweils ein Modell aus Ton geformt, nach dessen Vorbild der Steinmetz den Rohling gefertigt hat. Den Feinschliff haben wir dann wieder selbstgemacht. Seit neuestem haben die Walflosse und das Seepferdchen nun einen neuen Platz im Bad gefunden, doch egal wo in unserem Haus die Skulpturen standen, sie sind untrennbar mit Dir verbunden. Ich denke, dass es die Idee des Kurses war, eine solche Erinnerung zu schaffen und bin immer wieder erstaunt, dass es auch genau so funktioniert, auch heute noch. Man fühlt den Stein und sieht Dich vor sich, in dieser Zeit, holt Dich für einen Moment zurück und hat ein Lächeln auf dem Gesicht.

Es ist ein bißchen so wie mit Deinem Bild, dass Du im Jahr darauf im Kinderhospiz St. Nikolaus im Allgäu gemalt hast. Das hängt bei uns im Wohnzimmer, die Farben so kräftig und leuchtend wie vor 10 Jahren. Auf dem Bild hinter Museumsglas scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und ein Blick darauf genügt und Du bist hier bei uns und bleibst - für immer in unserer Erinnerung.


Und heute sind es 9 Jahre

August 8, 2020 - Lesezeit: 3 Minuten

Es ist drückend heiß in diesen Tagen. Die letzten Wochen haben mir kaum Zeit zum Nachdenken gelassen. Vor allem natürlich wegen Corona, das geht nicht spurlos an uns vorbei. Der Alltag ist anders geworden, Maske tragen, Hände desinfizieren oder zumindest sehr viel häufiger waschen, alles Dinge, die man sonst nur aus dem Klinikalltag kennt. Das ist die neue Normalität für jeden von uns. Deine Uroma ist 90 Jahre alt geworden dieses Frühjahr. Wir konnten sie nicht besuchen und mit ihr feiern. Das war traurig, aber eben leider nötig, um sie vor Ansteckung zu schützen. Da blieb uns nur Briefe und Geschenke per Post zu senden. Das haben wir alle fleißig getan und so hatte sie doch noch einen schönen Tag, denn in Gedanken waren wir bei ihr.

Der Sturz eines Familienmitglieds mit anschließendem Krankenhausaufenthalt hat uns dann in Atem gehalten. Inzwischen ist unser Mehrgenerationenhaus wieder vollständig, auch wenn noch nicht alles gut ist. So ist fast unbemerkt der August angebrochen und morgen ist Dein Tag. Natürlich habe ich an Dich gedacht, aber die Worte, die ich Dir jedes Jahr schreibe, wollten nicht fließen - bis zu diesem Moment. Da fand sich die Werbung eines großen schwedischen Möbelhauses in unserem Briefkasten mit einem Spruch, der uns alle zum Lachen brachte. Ein kleines Mädchen ist zu sehen mit einem Lockenkopf, den Mund weit aufgerissen versucht sie, eine Zimtschnecke hineinzustecken. Darüber steht die Frage: "Welffe Fimtfnecken?". Das hätte Dir gefallen, oh ja Du hast Wortspiele geliebt. Sofort fällt mir auch das Buch ein, das wir im Allgäu im letzten Urlaub im Hospiz gefunden und zusammen mit Dir gelesen haben. Ein Elefant hat sich nach einem Sturz den Rüssel verbogen. Auf der Suche nach Hilfe hört er sich nun sehr merkwürdig an, wenn er spricht: "Ich bin gepflolpert und hingeflogen und hab den Rüffel mir verbogen. Defwegen komme ich fu dir. Kamfu vielleicht helfen mir?". Wir haben Tränen gelacht, als wir das Buch mit Dir das erste Mal gelesen haben. Du wolltest es auch danach immer wieder mit uns anschauen. Noch heute steht es bei uns im Bücherregal, wir haben es aufgehoben. Ich erinnere mich auch an ein Buch - als Du noch jünger warst - mit schrägen Geschichten über Bauernhoftiere. Da war ein Bauer, dessen Hühner eckige Eier legten und ein anderer hatte ein Kuh, die Waldmeisterbrause gab und viele verrückte Dinge mehr. Deine Vorliebe für ungewöhnliche Geschichten war schon bemerkenswert, aber auch verständlich, denn Dein Leben war außergewöhnlich. Bücher waren wichtig für Dich. Sie waren Dein Zufluchtsort, Deine Möglichkeit sich auszuklinken aus Deinem Alltag, den häufigen Klinikaufenthalten und langwierigen Behandlungen. Das hat Dir Kraft gegeben und uns auch. Es ist erstaunlich, dass ich beim Gedanken an das Buch "Warum fragt der kleine Bär" sofort lächeln muss. Ich habe das Gefühl, dass ich Deine Bibliothek auswendig kenne, was sicher unrealistisch ist. Aber jedes Buch, das mir einfällt, ist eine schöne Erinnerung an Dich. Es sind die Momente, in denen Du ganz Kind sein konntest und alles andere vergessen hast. Es sind die Momente, die ich gern zurückholen möchte - an einem Tag wie heute. Noch einmal mit Dir "Peterson und Findus" lesen oder die Geschichten aus der "Sternenschaukel", die mochte auch Deine Schwester so gern. Ich weiß, dass das nicht geht, aber weißt Du was: Morgen hole ich "Kamfu mir helfen" raus und lese es noch einmal. Hörst Du mir dann zu, Johanna?

In Liebe, Deine Mama


About

Ich bin Daniela und habe diesen Block begonnen, um die Chemotherapie unserer Tochter Johanna zu dokumentieren. Dass daraus ein Blog über die Verarbeitung von Trauer über den Verlust des eigenen Kindes werden würde, hab ich nicht vorausgesehen. Hier möchte ich ihre Geschichte erzählen, damit sie nicht vergessen wird. Aber vielleicht kann ich anderen Betroffenen auch ein wenig helfen.