Es ist wieder Sonntag - und Dein Geburtstag, der 17te

Die Tage sind zu mild für November, aber nass und neblig. Das passt zu meiner Stimmung. Ein Blick auf das Wetterradar zeigt, morgen wird die Sonne scheinen, das wiederum freut mich. Ich möchte, dass die Sonne scheint – nur für Dich. Ich schreibe Dir nun schon so viele Jahre, nenn es Glaube oder Liebe, mit Kirche und Gott hat das nur wenig zu tun, eher mit festhalten und nicht vergessen wollen. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es schlicht meine Art damit zu leben, dass Du nicht mehr bei uns bist. Da fällt mir eine Geschichte ein, die ein Mädchen kurz nach Deinem Tod seiner Mutter erzählt hat. Die Tochter von Freunden, Lena, hat auf ihre Art versucht zu verstehen, dass Du so jung zu den Sternen gegangen bist. Ich versuche mich zu erinnern, es ist nicht leicht, weil schon so lange her.

Sie sagte,

„Dass Kinder, die sterben, sich aussuchen dürfen, was für einen Körper sie im Himmel haben wollen, weil sie ja nur so eine kurze Zeit auf der Erde hatten. Sie kommen in den Himmel mit der Seel-Air und dort in den Bereich für die Kinder. Sie sind gesund und können alles werden, was sie wollen. Sie gehen auch zur Schule und bestehen jede Prüfung. Es gibt nicht jeden Tag das Lieblingsessen, aber schon oft. Wenn das Lieblingsessen z. B. Nudeln sind, sagt Gott, dass man eben manchmal auch was anderes essen muss. Es gibt auch einen Erwachsenenbereich und man kann sich gegenseitig besuchen. Dorthin fährt man mit der Seel-Bahn und eine Fahrt dauert nur 5 Minuten, so dass man vielleicht ein bißchen lesen kann, aber es nicht langweilig wird.“

So ging die Geschichte ungefähr. Ich habe das damals auch Mascha erzählt, die sich schon gefragt hatte, ob Du denn im Himmel in die Schule gehst. Sie fand diese Vorstellung einfach schön. In diesem Jahr ist ein neuer Stern an Deinem Himmel aufgegangen, Deine Uroma Inge. 94 Jahre alt ist sie geworden und war eine beeindruckende Frau. Die Vorstellung, dass Du sie mit der Seel-Bahn besuchst, tröstet mich, denn an diesem Sonntag, der ja auch der Totensonntag ist, denke ich auch an sie. An meine Oma habe ich viele Erinnerungen, die ich nicht erfinden muss. Sie hatte ein langes erfülltes Leben, sie selbst hat das auch so gesehen und war immer dankbar, obwohl sie es nicht unbedingt leicht hatte. Natürlich war sie in den letzten Jahren sehr krank, aber sie hat ihr Päckchen tapfer getragen, ohne zu klagen. Das habt ihr gemeinsam.

Vor kurzem war ich wieder auf Erinnerungsjagd auf dem Laptop. Ich habe ein Video gefunden. Es muss 2008 gewesen sein, Du warst etwa 5 Jahre alt. Wir haben Micha´s Schwester im Rheinland besucht und Du hast im Kinderzimmer von Ira gespielt, Deiner Cousine, drei Monate jünger und natürlich konnte Ira schon lange laufen. Du warst gerade eifrig dabei, Papa aus der Spielküche Kaffee zu bringen, was sich schwierig gestaltete, weil Du auf Knien rutschen musstest, um die Hände zum Servieren frei zu haben. Eigentlich wollte ich Dich zum Essen holen, aber dann habe ich – offensichtlich fasziniert von Deiner Ausdauer - einfach weitergefilmt. Deutlich ist zu sehen, wie schwer es Dir fällt, den Spielteller zu greifen und festzuhalten. Deine Hände wollten Dir damals nicht gehorchen, die Lage des Tumors am Rückenmark bewirkte, dass die Nerven in den Händen nicht so funktionieren, wie sie sollten. Aber die Plastikorange soll auch auf den Teller. Sie springt Dir immer wieder aus der Hand und rollt davon. Man merkt, dass Dich das ärgert, aber Du gibst nicht auf. Der Teller samt Orange landet schließlich bei Micha. Als Dir beim Weiterspielen ein Ei aus dem Körbchen fällt, auch aus Plastik, versuchst Du sofort, es wieder an seinen Platz zu legen. Die Eiform ist offensichtlich noch schwieriger für Dich zu greifen, jedenfalls springt es Dir immer wieder davon, aber Du gibst nicht auf. Immer wieder rutschst Du auf Knien durch das Zimmer und versucht es einzufangen und es gelingt Dir nach einer gefühlten Ewigkeit. Du warst immer ein willensstarkes Kind, aber eben dieser Willen hat es Dir ermöglicht, weit mehr zu erreichen, als das bei der Schwere Deiner Erkrankung möglich schien. Ein paar Monate nach diesen Aufnahmen hast Du Laufen gelernt, mit speziellen Beinschienen, sogenannten Orthesen, die Deine Beine stabilisierten. Die Erinnerung an Deinen schwankenden Seemannsgang, immer leicht torkelnd, aber Hauptsache aufrecht, ist eine der lebendigsten von Dir, die mir immer vor Augen steht. Hinfallen, Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen – das war Dein Motto. Liebes Johchen, auch ich bin hingefallen, als Du fortgingst, hab zwar mein Krönchen verloren, aber ich bin aufgestanden und werde weitergehen mit Dir im Herzen. Ich hoffe, es gibt, wo auch immer Du bist, heute Dein Lieblingsessen und eine schöne Geburtstagsparty. Wir haben hier Plätzchen gebacken für Dich und sind in Gedanken bei Dir – immer.