Wieder einmal Onko-Ambulanz

Das Handy klingelt mal wieder viel zu früh - kurz vor 6 Uhr, aber man quält sich aus dem Bett und huscht ins Bad, um sich schnell anzuziehen, bevor man öffentlichen Raum betritt. Öffentlich deshalb, weil der Pflegedienst noch in der Küche sitzt. Ein höfliches "Guten Morgen" muss sein. Glücklicherweise gibt es über die Nacht nicht viel zu berichten. Das Brummen des Sauerstoffkonzentrators fehlt - denn der ist defekt seit gestern. Noch eine Baustelle für heute - denn irgendwie sollen wir per Post zu einem Ersatzgerät kommen, allerdings erst um 18 Uhr. Man darf gespannt sein.

Weiter gehts im Text - Brote schneiden und belegen für die Große, die gleich auch noch geweckt werden will - lieber von Mama als vom Wecker. Der Blick auf die Uhr zeigt, es ist noch genug Zeit, um mit Mascha zu frühstücken. Ein straffer Zeitplan jeden Morgen, denn der Fahrdienst wartet nicht. Der Nachtdienst bleibt heute ein bißchen länger, zumindest um Johanna wachzukraulen. Das Aufstehen um diese Uhrzeit fällt ihr immer furchtbar schwer, aber es muss sein, denn heute ist wieder Ambulanztag, d. h. Fingerpieks für ein schnelles Blutbild, mal eben vom Doc anschauen lassen und das unvermeidliche Katheterspülen. Nur eine Stunde später sitze ich mit Jo allein beim Frühstück - Moment, neben mir sitzt ja nicht Johanna sondern Malicia, die böse Hexe und isst ein leckeres "Erdbeermarmeladebrot mit Honig". Für alle Nichtsandmannseher zur Erklärung, diesen Belag haben wir von der Trickfilmreihe "Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig" übernommen. Die arme böse Hexe hat aber plötzlich Bauchgrummeln und lässt sich überreden, einen Versuch auf der Toilette zu starten. Unglücklicherweise heißt das Ergebnis Durchfall und die Frage des Tages ist, welcher böse Zauber denn hier am Werke ist. Da Jammern oder Fluchen nicht hilft, werden also schnell noch ein paar zusätzliche Windeln und Wechselsachen eingepackt. Angekommen in der Ambulanz des Klinikums fällt allen Beteiligten sofort auf, dass Johanna´s Hautfarbe wohl in Konkurrenz mit den weißen Klinikwänden getreten ist. Das Blutbild zeigt dann auch zu niedrige Leukozyten, was für einen Virusinfekt spricht, genau wie die lebhaften Darmgeräusche. Ab da hoffe ich nur, dass wir es noch bis nach Hause schaffen, bevor es weitergeht. 

Überraschenderweise erwartet uns zu Hause nicht etwa der Durchfall, sondern ein Zettel des Paketdienstes. Sie hätten um 9.30 Uhr einen Zustellversuch unternommen und wollen nun Freitag wiederkommen. Damit haben wir ein Problem, denn solange reicht der Sauerstoff aus der Flasche auf gar keinen Fall. Also Telefon in die Hand, Sauerstoffversorger anrufen und das Problem "delegieren". Eine Stunde später hat das Kind sein Mittagessen schon längst vertilgt und die Firma kündigt die Lieferung des Ersatzgerätes für 16 Uhr an. Als dann 14 Uhr der Paketdienst klingelt, zweifele ich ernsthaft an deren Fähigkeit, die Uhr zu lesen. Ich enthalte mich allerdings jeglichen Kommentars, sondern bin zuvorderst froh, dass das Ersatzgerät da ist. Nach diesem ganzen Hin- und Her stellt sich natürlich die Frage, wie sinnvoll es ist, eine Firma mit der Sauerstoffversorgung zu beauftragen, die ihren Sitz 550 km entfernt vom Patienten hat.  Diese Pauschalversorgung durch einen Vertragspartner mag vielleicht kostengünstig für die Krankenkasse sein, aber in unerwarteten technischen Notfällen kann nicht mal eben schnell jemand vorbeikommen und will es wohl auch nicht, weil es zu teuer ist. Nun gut, am Ende diese Tages haben wir wieder einen brummenden Sauerstoffkonzentrator und ein wider Erwarten nicht von weiterem Durchfall geplagtes friedlich schlafendes Kind.