Wir warten mal - auf ein freies Klinikbett

"Wir sitzen hier im Wartesaal und warten mal" - alle Bosse-Fans werden wissen, welchen Song ich meine. Johanna ist übrigens auch ein großer Fan dieser Band und hört diese CD bezeichnenderweise immer auf dem Weg in die Klinik. Es ist Mittwoch und wir sind mal wieder auf Abruf für die Chemo, die eigentlich letzte Woche fällig war. Selbst gestern abend war noch nicht sicher, ob sie ein Bett frei haben. Ich bin versucht zu fragen, ob wir in 2 Monaten wiederkommen sollen, vielleicht passt es dann besser und kann immer noch nicht fassen, dass eine Chemo einfach verschoben wird wegen Betten- oder Personalmangel. Wir kommen schliesslich nicht zur Fusspflege.

Halbherzig packe ich die Kliniktaschen. Ja es sind mehrere, ob nun zwei Tage oder 1 Woche, das macht keinen Unterschied bei einem Intensivkind. Um 9.30 Uhr kommt der Anruf, dass wir kommen können. Es dauert allerdings noch bis Mittag bis wir ein Zimmer haben. Glücklicherweise gibt es ein Spielzimmer auf Station, so dass es Johanna nicht stört. Mich allerdings schon - da wär es wieder mein Wartesaal-Gefühl. Als die Antikörpertherapie endlich läuft, ist es bereits früher Nachmittag und damit ist klar, dass sie heute nicht mehr aus dem Bett darf. Trotz Dauerberieselung durch den Fernseher der Bettnachbarin entscheidet sich Johanna recht bald fürs Lesen und Malen. Ich bin stolz auf sie - sie ist keine Fernseheule. Abends geht es wie üblich zum Schlafen auf die Intensivstation. Unser fröhlich plapperndes Kind wirkt ein wenig fehl am Platz neben den schwerkranken Bettnachbarn. Aber ihr Lachen ist ansteckend und so zaubert sie selbst den besorgten Eltern der beiden Babys ein Schmunzeln auf die Lippen. Ich kann nun nach Hause gehen nach diesem langen Tag, denn ich weiss, sie kommt klar. Die Nase im Buch bemerkt sie mich gar nicht mehr. Ich hoffe auf eine gute Nacht.

Als ich am nächsten Morgen wiederkomme, treffe ich einen Vater, den ich von der Onko kenne. Johanna und sein 5 jähriger Junge lagen vor einigen Wochen gemeinsam in einem Zimmer. Die Familie kommt aus Pakistan, hat noch eine kleine Tochter von wenigen Monaten und spricht nur gebrochen Deutsch und natürlich Englisch. Wir mochten die Familie, ihre freundliche Art, ihre Versuche sich zu verständigen in diesem noch fremden Land mit einem schwer kranken Kind. So sind wir ins Gespräch gekommen, zumal der Junge einen Hirntumor mit seltener Lokalisation hat. Johanna fand es spannend, uns zuzuhören. Bei den nächsten Treffen versuchte sie selbst ein paar aufgeschnappte Worte auf Englisch. Als ich den Vater nun sah, folgte meinem Lächeln sofort der Schock. Was macht er hier auf der Intensivstation? Sein Sohn liegt im Koma, erzählt er und da es keine Anzeichen für eine Infektion gibt, ist wohl der Tumor die Ursache. Es sieht schlecht aus.

Und wieder einmal fühle ich mich fehl am Platz auf einer Intensivstation mit einem so fitten Kind, dass die Nacht ruhig geschlafen hat, bis auf eine längere Atempause. Diese Atempausen sind der Grund, warum sie nicht oben auf der onkologischen Station schlafen kann. Die Schwestern fanden Johanna allerdings wieder so stabil, dass sie ihr nachts keinen Sauerstoff gegeben haben. Das rächt sich im Verlaufe des Tages. Johanna ist nölig und schlapp. Das passt zwar ganz gut, weil sie für die zweite Chemotherapie heute auch im Bett liegen muss, ist aber nicht ihre Art. Wir haben Glück, alles läuft gut und wir können gegen 15 Uhr nach Hause. Zu Hause angekommen, krabbelt Jo sofort ins Bett. Sehr blass kuschelt sie sich an die Schwester vom Pflegedienst und lässt sich vorlesen. Naja sind halt nicht unbedingt Vitamine, die sie in der Klinik bekommen hat. Erst gegen Abend kommt sie nochmal zum Legospielen raus und hat dann natürlich Probleme beim Einschlafen. Also startet sie einen Lesemarathon, denn wir gegen 22.30 Uhr beenden müssen. Da gibt es ein paar Tränen, aber ich verabrede mich mit Johanna im Traum. Das klappt aber nur, wenn sie schnell einschläft, erkläre ich ihr. Und wieder haben wir eine Therapierunde geschafft. Bis zum nächsten Mal - im Wartesaal.